TL;DR
- Der European AI Innovation Month läuft vom 14. Oktober bis 17. November 2026, organisiert von der EU-Kommission und der irischen Ratspräsidentschaft. Er beginnt heute mit dem International AI Summit in Dublin und endet mit dem Apply AI Summit in Brüssel.
- Dahinter steht die Apply AI Strategy vom 8. Oktober 2025: rund eine Milliarde Euro aus bestehenden Programmen, eine „AI first“-Politik, elf Sektoren und über 250 Digital Innovation Hubs, die zu Experience Centres for AI werden.
- Deutsche Unternehmen sind weiter, als es die europäische Debatte vermuten lässt: Laut Bitkom nutzen 57 Prozent KI und 20 Prozent setzen sie in eigenen Produkten ein, erst 11 Prozent aber Agenten. Unternehmen ohne KI fehlt vor allem Know-how (85 Prozent), dazu kommen rechtliche Unsicherheit (66) und schwer kalkulierbare Kosten (63).
- Souveränität ist teuer und braucht Zeit: Für bis zu sieben AI Gigafactories sind bis zu 10 Milliarden Euro öffentliche und mindestens 20 Milliarden Euro private Mittel vorgesehen, Gebote sind bis 12. November möglich, die Auswahl wird für Anfang 2027 erwartet. Mistral kommt in Bitkoms Stichprobe zugleich auf 0 Prozent Nutzung.
- Belegte Wirkung gibt es bisher in Einzelfällen: Die PRAIM-Studie fand in der Brustkrebsfrüherkennung mit KI-Unterstützung 17,6 Prozent mehr Erkennungen, Siemens und P&G nennen 10 bis 20 Prozent weniger Ausschuss. Keiner der vorgestellten Fälle ist nach den vorliegenden Quellen Teil des Aktionsmonats.
Heute, am 14. Oktober 2026, beginnt in Dublin ein Monat, in dem die EU zeigen will, dass sich Künstliche Intelligenz nicht nur entwickeln, sondern auch anwenden lässt. Ob das gelingt, entscheidet sich weniger auf Bühnen als in Fabriken, Praxen, Ämtern und Servicecentern. Dieser Artikel ordnet ein, was der Aktionsmonat ist, welche Strategie dahintersteht, wie es um Europas technologische Souveränität steht, welche Anwendungen belegt sind und was deutsche Unternehmen daraus machen können.
European AI Innovation Month 2026: Was steckt dahinter?
Der European AI Innovation Month ist eine koordinierte Reihe von Veranstaltungen, die die Europäische Kommission gemeinsam mit der irischen Ratspräsidentschaft vom 14. Oktober bis 17. November 2026 organisiert. Angekündigt hatte ihn Exekutiv-Vizepräsidentin Henna Virkkunen auf dem AI Impact Summit in Indien (CADE), in Dublin hält sie am Eröffnungstag die Keynote (irisches Wirtschaftsministerium). Zwei Gipfel rahmen den Monat: der International AI Summit am 14. Oktober in Dublin und der Apply AI Summit am 17. November in Brüssel und online, organisiert vom AI Office der Kommission. Dazwischen laufen Online-Formate und Partnerveranstaltungen in den Mitgliedstaaten. Die Anmeldung dafür ist geschlossen, weitere Termine stehen im Kalender der Apply AI Alliance (BDVA).
Die Kommission beschreibt den Monat als Debatte und Schaufenster zugleich. Politik, Industrie, öffentlicher Sektor und Forschung sollen zeigen, wie KI in Europas Wirtschaft entwickelt und angewendet wird. Der Apply AI Summit stellt sektorale Anwendungen und Erfolgsgeschichten aus Europa in den Mittelpunkt, in Dublin werden laut Pulse+IT mehr als tausend Investoren, Innovatoren, Regierungsvertreter und Wissenschaftler erwartet.
Bemerkenswert ist die Verschiebung im Namen. Europas KI-Politik drehte sich lange um Regeln und Forschung, nun steht ein ganzer Monat für Anwendung. Das ist ein Hinweis darauf, wo der Engpass liegt: Laut Eurostat setzten 2025 erst 20 Prozent der Unternehmen in der EU KI ein, bei Großunternehmen 55 Prozent, bei kleinen 17 Prozent. Dänemark führt mit 42 Prozent, Rumänien liegt bei 5,2 Prozent. Zwischen verfügbarer Technologie und tatsächlicher Nutzung in der Wirtschaft klafft also eine Lücke, und genau sie will der Monat verkleinern.
Die wichtigsten Veranstaltungen im Überblick
International AI Summit: 14. Oktober in Dublin
Am 14. Oktober eröffnet Irland als Inhaber der Ratspräsidentschaft den Monat im Royal Dublin Society (RDS). Das Motto lautet „Harnessing AI to Revolutionise Europe’s Competitiveness“. Auf dem Programm stehen laut Ratspräsidentschaft Talente, Forschung, die Verbreitung in Unternehmen, KI in öffentlichen Diensten und ein vertrauenswürdiges Regulierungsumfeld, mit Praxisbeispielen aus Gesundheit, Fertigung, Lebensmittelproduktion, Ingenieurwesen und öffentlichen Diensten. Am 15. Oktober folgt der AI in Science Summit zu KI in der Forschung.
Apply AI Startup Award: Europäische Innovationen im Wettbewerb
Der Apply AI Startup Award zeichnet Start-ups und Scaleups aus, die KI-Lösungen für die elf Sektoren der Apply AI Strategy entwickeln. Nationale Start-up-Verbände nominierten im Juli 24 Unternehmen aus 16 Mitgliedstaaten, zehn davon pitchen am 20. Oktober vor einer Jury, jeweils drei Minuten lang (Europäische Kommission). Anschließend wählt die Jury drei Gewinner, die ihre Lösungen am 17. November auf der Hauptbühne des Apply AI Summit vorstellen und eine Trophäe erhalten.
Apply AI Summit: 17. November in Brüssel
Der Abschluss in Brüssel markiert den ersten Jahrestag der Apply AI Strategy. Der Gipfel soll die Umsetzung von KI in strategischen Sektoren beschleunigen und zeigen, wie vertrauenswürdige, menschenzentrierte KI die Wettbewerbsfähigkeit etwa im Gesundheitswesen, in der Mobilität und im öffentlichen Sektor steigern kann. Hochrangige Vertreter dieser Sektoren und EU-Projekte sollen über den weiteren Weg diskutieren (BDVA). Teilnahme ist vor Ort und online möglich, die Organisation liegt beim AI Office.
Virtuelle Konferenzen und europäische Partnerveranstaltungen
Ein Teil des Programms läuft digital: Der Apply AI Summit nutzt ein virtuelles Konferenztool, weitere Termine stehen auf der Karte der Kommission und im Kalender der Apply AI Alliance.
Von der KI-Strategie zur Anwendung: Europas Apply AI Strategy
Die Veranstaltungen sind die Bühne, das Fundament ist die Strategie. Sie ist der Grund, warum der Monat überhaupt auf Anwendung zielt.
Was ist die Apply AI Strategy?
Die Kommission stellte die Apply AI Strategy am 8. Oktober 2025 vor. Sie soll die Wettbewerbsfähigkeit strategischer Sektoren stärken und Europas technologische Souveränität ausbauen (Europäische Kommission). Statt neuer Gesetze setzt sie auf Förderung: Rund eine Milliarde Euro will die Kommission aus bestehenden Programmen mobilisieren, laut Lewis Silkin ohne neue gesetzgeberische Initiativen. Der Kern ist eine „AI first“-Politik, die Organisationen ermutigt, KI auf Basis europäischer Lösungen einzusetzen, besonders im öffentlichen Sektor mit Blick auf Open Source. Ursula von der Leyen fasste es bei der Vorstellung mit den Worten zusammen, ab jetzt gelte „AI first“.
Vier Ziele ziehen sich durch: mehr KI-Einsatz bei kleinen und mittleren Unternehmen, eine KI-fähige Belegschaft, souveräne Frontier-KI und eine innovationsfreundliche Umsetzung des AI Act (GMF). Das wichtigste Instrument für den Mittelstand sind die über 250 European Digital Innovation Hubs, die zu „Experience Centres for AI“ umgebaut werden und laut DataNorth mehr als 85 Prozent der EU-Regionen abdecken.
Welche Branchen stehen im Mittelpunkt?
Die Strategie benennt Flaggschiff-Initiativen für den öffentlichen Sektor und zehn Wirtschaftszweige: Gesundheit einschließlich Pharma, Robotik, Fertigung, Ingenieurwesen und Bau, Verteidigung, Sicherheit und Raumfahrt, Mobilität, Transport und Automobil, elektronische Kommunikation, Energie, Klima und Umwelt, Agrar und Ernährung sowie Kultur, Kreativwirtschaft und Medien (German Marshall Fund). Im Gesundheitswesen nennt die Kommission KI-gestützte Zentren für die Früherkennung als Beispiel.
Welche Rolle spielen KI-Agenten und intelligente Automatisierung?
Die Strategie nennt Sektoren und Instrumente, nicht einzelne Technologien. KI-Agenten sind deshalb kein erklärtes Ziel, aber ein naheliegender Weg, die Ziele zu erreichen. Denkbar sind Agenten, die Verwaltungsprozesse vorbereiten, Kundenanfragen bearbeiten oder Informationen aus mehreren Systemen zusammenführen. Das sind mögliche Anwendungsfelder, keine bestätigten Projekte des Aktionsmonats. Die Nachfrage ist erkennbar: Laut Bitkom setzen 11 Prozent der Unternehmen Agenten schon ein, 29 Prozent planen den Einsatz, 31 Prozent diskutieren ihn.
Technologische Souveränität: Wie unabhängig kann Europas KI werden?
Wie abhängig europäische Unternehmen von außereuropäischen Modellen sind, zeigt Bitkom: Unter den KI-Nutzern setzen 76 Prozent ChatGPT ein, 35 Prozent Copilot und 28 Prozent Gemini, Mistral kommt auf 0 Prozent. Praktisch wurde die Abhängigkeit im Sommer: Am 12. Juni setzte Anthropic den Zugang zu zwei Modellen aus, um US-Exportkontrollen zu entsprechen, bis zum 1. Juli (Anthropic). Die Kommission legte am 7. Juli einen Aktionsplan mit Notfallmaßnahmen für eingeschränkten oder entzogenen Zugang vor (The Record).
Die erste Antwort der EU ist Infrastruktur. Die Gemeinsame Unternehmung EuroHPC betreut 19 AI Factories und 13 AI Factory Antennas, die Start-ups und KMU kostenlos und maßgeschneidert unterstützen, der Exascale-Rechner JUPITER steht in Jülich. Am 30. Juli startete die Ausschreibung für bis zu sieben AI Gigafactories mit bis zu 10 Milliarden Euro öffentlicher Förderung und mindestens 20 Milliarden Euro privaten Investitionen (EuroHPC). Jede Anlage soll rund 100.000 der modernsten Chips erhalten, etwa viermal so viel wie die heutigen AI Factories (Law and Technology). Achtzehn Mitgliedstaaten haben ein Abkommen zur gemeinsamen Beschaffung von Rechenzeit unterzeichnet, zehn Länder, darunter Deutschland, haben Interesse am Standort bekundet (European Economics).
Bei den Modellen ist das Bild gemischt. Mistral sammelte am 8. September 3 Milliarden Euro bei über 21 Milliarden Euro Bewertung ein (The Paypers), Aleph Alpha und Cohere unterzeichneten am 16. September ihren Zusammenschluss (Techzine). Die Apply AI Strategy ergänzt das durch eine „Buy European“-Logik, vor allem für den öffentlichen Sektor und mit Fokus auf Open Source, und durch eine Frontier AI Initiative, die europäischen Akteuren kostenlosen Zugang zu EuroHPC-Rechnern für offene Frontier-Modelle geben soll.
Die Grenzen sind real. Die Gigafactories-Standorte stehen frühestens Anfang 2027 fest (PostQuantum), die Strategie speist sich aus bestehenden Programmen statt aus neuem Geld, und zwischen politischem Anspruch und tatsächlicher Nutzung steht der Wert von 0 Prozent bei Mistral. Belastbare Vergleichszahlen zu Rechenleistung und Kapital gegenüber den USA und China liegen in den hier genutzten Quellen nicht vor. Die Frage bleibt deshalb offen: Kann Europa ein konkurrenzfähiges KI-Ökosystem aufbauen und dabei seine Standards zum Schutz der Daten wahren?
KI-Innovationen in der Praxis: Welche europäischen Projekte zeigen Ergebnisse?
Vier dokumentierte Beispiele zeigen, was KI in der Praxis leistet und wo die Belege enden. Wichtig: Keines dieser Projekte ist nach den vorliegenden Quellen Teil des Aktionsmonats.
KI in der Industrie: Siemens und P&G
Siemens aus Erlangen und Procter & Gamble haben gemeinsam das Visual Inspection Cockpit entwickelt. Es prüft Produkte in Echtzeit bei voller Bandgeschwindigkeit und läuft auf Siemens Industrial Edge. Am 16. September kündigten beide die weltweite Ausweitung auf P&G-Werke an. Je nach Produkt sank der Ausschuss um 10 bis 20 Prozent, neue Installationen lassen sich fünf- bis zehnmal schneller in Betrieb nehmen als maßgeschneiderte Bildverarbeitungssysteme (Siemens). Die Zahlen stammen von den Unternehmen und sind laut PYMNTS nicht unabhängig überprüft, Anwender ist ein US-Konzern, der Technologiepartner ein deutscher.
KI im Gesundheitswesen: Mammographie-Screening in Deutschland
Die PRAIM-Studie der Universität Lübeck untersuchte in Nature Medicine, ob KI-gestütztes Screening in der Praxis hält, was Laborstudien versprechen. An 12 deutschen Standorten des organisierten Mammographie-Screenings lasen 119 Radiologinnen und Radiologen die Bilder von 463.094 Frauen, 260.739 davon mit KI-Unterstützung. Die Erkennungsrate lag bei 6,7 gegenüber 5,7 pro 1.000 Frauen, ein Plus von 17,6 Prozent, bei einer Rückrufrate von 37,4 gegenüber 38,3 pro 1.000 (ESTRO). Die Studie ist beobachtend, die Radiologen entschieden freiwillig, ob sie das System der Berliner Firma Vara nutzen, und die Ergebnisse stammen aus dem Zeitraum 2021 bis 2023.
KI in der öffentlichen Verwaltung: F13 in Baden-Württemberg
F13 ist eine KI-Textassistenz, die das Innovationslabor Baden-Württemberg gemeinsam mit Aleph Alpha entwickelt hat. Seit Mai 2023 konnten Beschäftigte der Landesverwaltung den Prototyp nutzen, 2024 wurde F13 offiziell eingeführt, als erste Verwaltungs-KI in Deutschland im eigenen Rechenzentrum, gehostet mit STACKIT (Landesregierung). Seit Juli 2025 steht F13 als Open-Source-Software zur Nachnutzung bereit (Landesregierung). Die belastbaren Angaben betreffen Einführung und Verbreitung, nicht Effizienzgewinne: Zeitersparnis-Zahlen veröffentlicht das Land in den gefundenen Unterlagen nicht, ein Test der Stuttgarter Zeitung beschrieb neben Nutzen auch Fehler.
KI im Kundenservice: Klarna
Das schwedische Unternehmen Klarna meldete einen Monat nach dem Start seines KI-Assistenten 2,3 Millionen Gespräche, zwei Drittel aller Kundenservice-Chats, eine Arbeitslast von 700 Vollzeitkräften und eine Bearbeitungszeit von unter zwei statt elf Minuten bei gleicher Kundenzufriedenheit und 25 Prozent weniger Wiederholungsanfragen (Klarna). Später holte Klarna menschliche Mitarbeitende für komplexe Fälle zurück und fährt heute ein hybrides Modell (TechInformed). Das Beispiel zeigt beides: Der Effekt bei standardisierten Anfragen war messbar, doch für schwierige Fälle blieb der Mensch nötig.
Gemeinsam ist den Fällen, dass die Ergebnisse dort am klarsten sind, wo die Aufgabe eng umrissen und messbar ist: Bildprüfung am Band, Auswertung von Screenings, Standardanfragen. Wo der Nachweis fehlt, wie bei der Verwaltungsassistenz, bleibt es bei Nutzungszahlen.
Was bedeutet der European AI Innovation Month für deutsche Unternehmen?
Deutschland ist beim Einsatz schneller, als es Europas Durchschnitt erwarten lässt. Laut Bitkom nutzen 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten KI, nach 36 Prozent 2025 und 20 Prozent 2024. 20 Prozent bauen sie in eigene Produkte und Dienstleistungen ein, und 45 Prozent geben 2026 mehr Geld für KI aus als im Vorjahr. Die Befragung ist mit der Eurostat-Erhebung nicht direkt vergleichbar, weil Stichprobe und Definition abweichen.
Neue Chancen für den Mittelstand
Für den Mittelstand liegen die Chancen weniger in eigener Modellentwicklung als in Anwendung. Prozesse mit klaren Ein- und Ausgaben lassen sich identifizieren und automatisieren, ohne Infrastruktur von Grund auf zu bauen: durch bestehende Modelle über APIs, durch Test-before-invest-Angebote der Hubs und durch europäische Anbieter, die Hosting und Rechtsrahmen mitdenken. Wer bislang nicht startet, scheitert laut Bitkom selten an der Idee, sondern am Know-how: 85 Prozent der Unternehmen ohne KI nennen es als Hürde.
Zugang zu europäischen KI-Initiativen
Konkrete Anlaufstellen gibt es bereits: die European Digital Innovation Hubs als Experience Centres for AI, die AI Factory Antennas mit kostenloser, maßgeschneiderter Unterstützung für KMU und Start-ups, KI-Test- und Experimentiereinrichtungen sowie die Apply AI Alliance als Koordinierungsforum aus Anbietern, Industrie, Wissenschaft und öffentlichem Sektor (OECD.AI). Die Kommission will zudem europäische Unternehmen einladen, eigene KI-Modelle und Systeme mit den Experience Centres zu teilen, damit sie breiter eingesetzt werden.
KI-Agenten als Bestandteil der digitalen Transformation
Agenten sind der nächste Schritt nach Chatbots: Sie bearbeiten Anfragen, bereiten Angebote vor, kommunizieren mit Kunden und greifen auf bestehende Systeme zu. Das Potenzial liegt in der Kommunikation, der Unterstützung im Vertrieb, der Bearbeitung von Anfragen und der Integration mit CRM, ERP und Dokumentenablage. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst vergleicht die Lage mit der von KI vor drei Jahren. Dass Agenten Governance brauchen, zeigt die Deutsche Telekom: Sie stellte im September mit dem T-AI Agentic Hub eine Leitstelle vor, die Kosten, Zugriffsrechte und Verantwortlichkeiten über viele Agenten hinweg koordiniert (Telekom).
Zwischen Innovation und Regulierung: Welche Herausforderungen bleiben?
Was bereits gilt. Der AI Act ist in Kraft. Seit dem 2. August 2026 verlangt Artikel 50 Transparenz, etwa den Hinweis, dass Nutzer mit einer KI sprechen. Das Digital-Omnibus-Paket, das der Rat am 29. Juni bestätigte und das am 27. Juli in Kraft trat, hat die Pflichten für Hochrisiko-Systeme auf den 2. Dezember 2027 für eigenständige Systeme und den 2. August 2028 für in regulierte Produkte eingebettete Systeme verschoben (CMS). Was noch geplant ist. Der Cloud and AI Development Act (CADA), Teil des Pakets zur technologischen Souveränität, soll die „AI first“-Politik stärken und die Experience Centres als lokale Anlaufstellen ausbauen, ist laut Kommission aber noch nicht in Kraft. Das European AI Observatory ist bislang eine Ausschreibung.
Die Unsicherheit ist für Unternehmen spürbar: 66 Prozent der Unternehmen ohne KI nennen rechtliche Hürden und Unklarheiten, bei den Anwendern führt der Datenschutz mit 66 Prozent. Laut dpa-Bericht zur Bitkom-Studie meinen zwei Drittel der Unternehmen, der AI Act bringe mehr Nachteile als Vorteile (Channelpartner). Hinzu kommen Know-how und Kosten: 70 Prozent der Unternehmen schulen ihre Beschäftigten inzwischen im Umgang mit KI, doch 63 Prozent der Nicht-Nutzer nennen schwer kalkulierbare Kosten. Der Verbrauch an Token fällt dagegen für die meisten kaum ins Gewicht, für nur 8 Prozent ist er ein großer Kostenpunkt.
Schließlich der Schritt vom Pilotprojekt in den Betrieb: Laut Bitkom schöpft kein einziges Unternehmen das Potenzial der Technologie nach eigener Einschätzung vollständig aus. Das Klarna-Beispiel zeigt, dass Skalierung nicht nur Technik ist, sondern auch die Frage, wann ein Mensch übernimmt.
Ausblick: Was passiert nach dem European AI Innovation Month?
Am 17. November zeigt der Apply AI Summit, wie weit die Umsetzung der Strategie nach einem Jahr ist, und die drei Gewinner des Start-up-Awards stellen sich vor. Schon vorher gibt es zwei Termine mit Folgen: Am 3. November endet die Frist für das European AI Observatory, am 12. November die Gebotsfrist für die Gigafactories. Das Observatorium soll laut Ausschreibung über drei Jahre Indikatoren zu KI-Investitionen, Patenten, Kompetenzen und Rechenkapazität liefern, den Einsatz in strategischen Sektoren mit qualitativen Berichten bewerten und eine Website mit Kennzahlen betreiben (EU Agenda). Damit soll sich künftig messen lassen, ob die Strategie wirkt.
Zu verfolgen bleiben die Auswahl der Gigafactories ab Anfang 2027, die ersten Indikatoren des Observatoriums, Aufrufe zu den Experience Centres und die Fristen des AI Act.
Fazit: Wird 2026 zum Wendepunkt für Europas KI-Wirtschaft?
Der Aktionsmonat beantwortet die Frage nicht selbst. Er zeigt, dass Europa von der Strategie zur Anwendung übergehen will, und die Zahlen zeigen, dass die Anwendung in Deutschland tatsächlich anzieht, von 20 Prozent 2024 auf 57 Prozent 2026. Was fehlt, sind Know-how, Rechtssicherheit, kalkulierbare Kosten und eigene Rechenleistung. Entscheidend wird nicht sein, wie viele KI-Initiativen Europa ankündigt, sondern wie viele davon tatsächlich in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen ankommen.
Was das für Anbieter von KI-Lösungen heißt
Für Anbieter wie agentivo.ai, die Chatbots und Agenten für Unternehmen auf bestehenden Modellen per API bauen, ist der Aktionsmonat vor allem ein Nachfragesignal. Wenn 85 Prozent der Nicht-Nutzer das Know-how für die Einführung fehlt und 66 Prozent rechtliche Unklarheit nennen, entscheidet am Ende, wer Einführung, Dokumentation und Betrieb für Unternehmen verständlich macht. Das ist keine Frage großer Strategien, sondern kleiner, überprüfbarer Anwendungsfälle.
Quellen und weiterführende Informationen
- Irisches Wirtschaftsministerium: International AI Summit will officially launch European AI Innovation Month, 5. März 2026
- BDVA: European AI Innovation Month, 2026
- CADE: European Commission announces AI Innovation Month, 2026
- Irische Ratspräsidentschaft: International AI Summit, 2026
- Pulse+IT: International AI Summit comes to Dublin, 2026
- Europäische Kommission: Pitching day, Finalists of the Apply AI Startup Award, August 2026
- EU Agenda: Pitching day, Finalists of the Apply AI Startup Award, 20. Oktober 2026
- Europäische Kommission: Apply AI Strategy, 2025
- Lewis Silkin: Apply AI, the Commission’s plan to put an AI first Europe into practice, November 2025
- German Marshall Fund: The EU’s adoption bet, breaking down Brussels‘ Apply AI Strategy, Dezember 2025
- DataNorth: Europe launches €1 billion AI Strategy, Oktober 2025
- OECD.AI: EU Apply AI Strategy, 2026
- EU Agenda: Establishing the European AI Observatory, call for tenders, 5. Oktober 2026
- EuroHPC JU: The EuroHPC Joint Undertaking launches the AI Gigafactories Call, 30. Juli 2026
- Sullivan & Cromwell: EuroHPC Joint Undertaking launches AI Gigafactories call, Oktober 2026
- PostQuantum: EU AI Gigafactories, 30. Juli 2026
- European Economics: AI Gigafactories, the European Union launches its call for tenders, 1. September 2026
- Law and Technology: Computing capacity for AI, the European call for AI Gigafactories, 2026
- Bitkom: Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI, 14. September 2026
- Bitkom: KI aus China? Für die deutsche Wirtschaft praktisch kein Thema, 9. September 2026
- Channelpartner (dpa): Unternehmen nutzen KI trotz vielfältiger Bedenken, September 2026
- Eurostat: Use of artificial intelligence in enterprises, Dezember 2025
- Anthropic: Fable und Mythos, Zugang, Juli 2026
- The Record: EU unveils cyber plan to reduce reliance on foreign AI, Juli 2026
- The Paypers: Mistral raises EUR 3 billion, September 2026
- Techzine: Cohere and Aleph Alpha merge, September 2026
- CMS: The EU’s Digital Omnibus, AI Act compliance rules now in force, 2026
- Siemens: Siemens and Procter & Gamble scale AI-based quality inspection, 16. September 2026
- PYMNTS: P&G takes its AI scrap killer global, September 2026
- Nature Medicine (via ESTRO): Nationwide real-world implementation of AI for cancer detection in mammography screening, 2025
- Baden-Württemberg: KI-Assistenz F13 wird zur Open-Source-Software, 23. Juli 2025
- Baden-Württemberg: Mit dem neuen F13 in die Verwaltung der Zukunft, 2024
- Stuttgarter Zeitung: F13, was kann die Verwaltungs-KI wirklich?, 2025
- Klarna: AI assistant handles two-thirds of customer service chats in its first month, Februar 2024
- TechInformed: Is Klarna’s scale back on AI a turning point for CX?, 2025
- Deutsche Telekom: Viele KI-Agenten, eine Leitstelle, September 2026

